Zweite Weihnachtsgeschichte

Du, wegen Weihnachten – sagte er – da muss ich natürlich zu meinen Eltern fahren. Verstehe bitte, das bin ich ihnen ganz einfach schuldig und sie erwarten es halt von mir. Du weißt ja, wie das ist. Schließlich wäscht Mutter mir die Wäsche und gibt mir auch immer Essen mit. Du weißt ja, wie ich solche Familienfeste hasse! Ich wäre froh, das schon alles hinter mir zu haben. Die gezwungene Freundlichkeit und die ganze Schenkerei. Wie mich das ankotzt!

Am Weihnachtsabend gibt es bei uns immer kalte Platte und zwar reichlich. Jede Wurstsorte, die du dir vorstellen kannst. Da werde ich zuschlagen! Auf die Bäckerei spitze ich ja schon, da werde ich welche mit nach Hause nehmen. Sogar rauchen darf man an diesem Tag bei uns zu Hause.

Ich hoffe nur, du bist vernünftig genug, Weihnachten nicht so große Bedeutung beizumessen. Sieh doch, die Leute lügen sich das ganze Jahr über an. Männer schlagen ihre Frauen und Kinder. Und dann zu Weihnachten spielen sie alle auf eitel Wonne und so. Ich würde ja Weihnachten ganz abschaffen. Oder man müsste es halt alternativ feiern, verstehst du!?

Du bist doch damit einverstanden, dass wir uns nichts schenken? Ist doch alles so verlogen! Wenn du unbedingt Weihnachten feiern willst, können wir es ja am 26. nachholen. Finde ich sehr gescheit von dir, dass du darauf keinen Wert legst!

Und am Weihnachtstag – da war er die Liebenswürdigkeit in Person, obwohl er sonst morgens immer mürrisch war. Er nahm sie in den Arm und sie spürte, dass es nicht vom Herzen kam und er redete und redete über den Unsinn, den man Weihnachteten nennt, und zog seinen schönsten Anzug an und fragte, ob auch das Sakko dazu passe, und nahm seine Manschettenknöpfe, und konnte sich nicht halten vor Ekel vor dem bevorstehenden Fest und musste sich beruhigende Musik vorspielen, um sich nicht vor sich selbst zu ekeln, und fragte sie, ob er sie anrufen solle – wie es ihr gehe – und war froh darüber, dass er sie nicht anrufen musste und ihm wenigstens diese Lüge erspart bleiben würde.

Und als es an der Tür läutete und er ein unverhofftes Geschenk erhielt, hätte sie ihn am liebsten getröstet, ob seines Unglückes, das zu ertragen er hatte. Ihr Diener wollte er sein, ob dieses Geschenkes – eines ihr Unbekannten. Sie sollte schließlich auch etwas davon haben.

Und verstehen konnte er nicht, dass ihr kalt war, wo er vor Hitze die Fenster aufriss, um nicht zu ersticken am weihnachtlichen Frieden.

Und in der Straßenbahn, die jeden der beiden an ein anderes Ziel brachte, da drückte er ihre Hand und ihr Knie und gab nochmals seiner Zufriedenheit darüber Ausdruck, dass er sie nicht anrufen müsse und recherchierte, wieviel Geschenkpapier wohl in ganz Österreich verbraucht werden würde und dass es ihm schon genügen würde, über die Mittel zu verfügen, die dieses Papierene koste.

Als sie endlich alleine war und sich ganz unvernünftig, aber sehr alternativ, mit der Weinflasche und den Kopfschmerztabletten zu Tisch setzte, wunderte sie sich, dass sie noch immer nicht erbrechen konnte und demnach womöglich schon tot war, ohne dass ihr dies aufgefallen wäre…

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