Eine Weihnachtsgeschichte

Für mich gibt es keine Weihnachten mehr, sagte sich die Frau und resignierte.

Der Gefährte aus Vernunfts- und Anstandsgründen bei seinen Eltern. Die Tochter aus Gründen der jungen Liebe bei den Eltern ihres Freundes. Sie selbst also zum ersten Mal alleine am Weihnachtsabend.

Dem Gefährten war mit Gefühlsduselei nicht beizukommen und der Tochter wollte sie die Freude an der Einladung nicht nehmen.

Sie erklärte sich also mit allem einverstanden – gut gedrillt auf Großzügigkeit, Verständnis und Verzicht. Da beschlossen worden war, sich gegenseitig nichts zu schenken, machte sie sich selbst eine Freude und kaufte eine Musikkassette, die sie schon lange haben wollte. Musik nach ihrem Geschmack.

Die Tage vor dem Weihnachtsfest erlebte sie den Gefährten und die Tochter in großer Hektik. Dieses und Jenes war noch an Geschenken vorzubereiten – für Familien, die der Frau fremd waren – aus Gründen, die ihr genauso unbekannt blieben. Familien, die jetzt Ursache für ihre Einsamkeit waren.

Der Gefährte beschwichtigte sie mit klugen Reden von verlogener bürgerlicher Moral und Konsumzwang und dass er vieles mit ihr täte – nur nicht Weihnachten feiern. Würde sie aber darauf bestehen, so wäre er natürlich dazu bereit – nur nicht eben am Weihnachtsabend.

Die Tochter hatte anfangs noch Bedenken, wollte sie aber mit einem Christbaum oder wenigstens Zweigen in der Vase trösten und meinte schließlich, ihre Abwesenheit dadurch gutmachen zu können, indem sie auf ein Weihnachtsgeschenk großzügig verzichtete.

Und es wurden Versprechen gemacht, Alternativen vorgeschlagen, Tröstungen ausgesprochen und geredet und geredet und die Frau wunderte sich, dass die beiden an ihrem Geschwätzt nicht erstickten.

Und am Weihnachtsabend –

war die Frau dann alleine und es war endlich still und sie hörte keine Lügen und kein leeres Geschwätz und keine Hand wurde ihr mitleidig gedrückt. Sie hatte ihren Weihnachtsfrieden – und die Erkenntnis, auch ohne die Menschen auszukommen, die ihr angeblich am nächsten waren, gab ihr Mut.

Es war eine Stille Nacht!

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